BLATTFEEN
Blattfeen – ja Blattfeen sind irgendwie seltsame Gesellen.
Sie leben auf ihren Bäumen und erleben ... fast nichts. Gut! Die wenigsten werden mehr als ein paar Monate alt, aber selbst ein paar Monate könnte man sinnvoll ausfüllen. Aber wenn man sich selten – bis gar nicht – mehr als ein paar Schritte von seinem Geburtsort entfernt, kann es ja keine Abenteuer geben.
Nur warum verlassen Blattfeen so selten ihre Bäume?
Ich sage es euch: Blattfeen sind an die Blätter gebunden, aus denen sie geschlüpft sind. Stirbt das Blatt, stirbt auch die Fee. Kein Wunder also, dass Blattfeen zeit ihres Lebens wenig mehr tun, als das Überleben ihres Blattes zu sichern.
Vergebliche Mühe mag sich manch einer denken, denn spätestens der Herbst bringt die meisten Blattfeen ohnehin um, aber bis man den Kleinen das mal begreiflich gemacht hat, ist es meist schon zu spät.
Wie dem auch sei: es führt zumindest dazu, dass Feenbäume immer besonders gesund sind und Jahrtausende alt werden können.
Und das wiederum erfreut mein Herz, wenn ich nach jahrelangen Wanderungen einen mir altvertrauten, tausendjährigen Feenbaum wieder einmal besuche, und er immer noch so vor Kraft strotzt, als wäre er gerade erst geboren worden.
Wie viele ich von ihnen bereits gefunden habe?
Lasst mich überlegen ...
Tela-Darkes-Vasupol
Dieser Feenbaum steht im Firkes-Wald an einem Seitenarm des Pirrel auf einer kleinen Lichtung; umringt von großen Weißdornen. Er selbst ist ein Lindarbaum mit starken Ästen, die sich nach allen Seiten gen Himmel strecken.
Seine Blätter können so groß wie mein Kopf werden und sind von einem seidigen Flaum überzogen. Sie erstrahlen in einem satten Dunkelgrün, doch lassen immer noch Licht hindurch, so dass die mächtige Krone des Tela-Darkes-Vasupol kaum einen Schatten auf den Boden wirft.
Die Haut seiner Feen ist ebenso dunkelgrün.
Und dank der großen Blätter, sind auch die Feen verhältnismäßig groß für ihre Art.
Den größten Fee, den ich an seinem Fuße entdecken konnte, war so groß wie mein Mittelfinger. Er hieß Thirish und hatte – im Gegensatz zu vielen seiner Freunde – kaum Angst, dass seinem Blatt etwas passierte, so dass er sich auch schon mal zu mir hinunter traute, um ein bisschen mit mir zu plaudern.
Er war es auch, der mir die besondere Fähigkeit der Vasupol-Feen verriet. Denn um die großen Blätter mit genügend Energie versorgen zu können, müssen die Feen besonders darauf achten, dass die Energie-Transportwege im inneren des Baumes frei bleiben.
Dafür verfügen sie über ein winziges Maß an Magie, mit dem sie in den Baum hineinschauen und ihn gegebenenfalls heilen können.
Theoretisch können sie auch in jeden anderen Körper hineinschauen und dasselbe tun, hatte Thirish mir verraten, aber wer verirrte sich schon an diesen abgelegenen Ort?
Nur hin und wieder kamen Tiere zu Tela-Darkes-Vasupol, die von den heilenden Kräften seiner Feen wussten und ließen sich von diesen reinigen.
Ich war nicht wenig beeindruckt von Thirish' Geschichte und insgeheim glaube ich, dass er mich während unseres Gesprächs ebenso gereinigt hatte, denn als er wieder zurück zu seinem Blatt flog, ging es mir irgendwie besser als zuvor.
Werendis-Kaelda
Um diesen Feenbaum zu entdecken, muss man – so glaube ich – mehrmals in seinem Leben daran vorbei laufen. Ich glaube, ich bin mindestens dreimal auf meinen Wanderungen an ihm vorbeigekommen, bevor ich ihn beim vierten Mal als das erkannt habe, was er ist.
Dabei steht er noch nicht mal besonders abgelegen – im Gegenteil: er steht sogar am Rande der großen Nordstraße, unweit der Himmelsstadt, aber sein Glanz verblasst vor der gigantischen Kulisse des Mitternachtssees.
Erst als mir eine Fee einmal fast ins Auge geflogen wäre, habe ich Werendis-Kaelda erkannt.
Ich schäme mich bis heute, dass ich ihn so spät „gesehen“ habe, aber zum Glück sind weder er noch seine Feen besonders nachtragend.
Im Gegenteil – kaum hatte ich mich an seinem Fuße hingesetzt, sah ich mich auch schon von einer Wolke kleiner Feen umringt, die mit ihren leisen, aber unglaublich schrillen Stimmen, alle gleichzeitig auf mich einplapperten.
Kaelda-Feen sind nämlich nicht viel größer, als die Hälfte meines Daumens und entsprechend quirlig.
Das besondere an ihnen sind die – von ihnen so genannten – Familien.
(Keine Ahnung woher sie dieses Wort haben, denn Blattfeen kennen für gewöhnlich keine Verwandtschaftsbeziehungen, weil sie ja weder Vater, Mutter noch Geschwister haben.)
Das sind zwischen fünf und acht Feen, die alle gemeinsam aus „einem“ Blatt geschlüpft sind.
Werendis-Kaelda ist nämlich ein Schefta-Baum. Seine Blätter teilen sich in fünf bis acht Fingerspitzen auf und in jeder erblickt ein Kaelda-Fee die Welt. Und obwohl ein jeder von ihnen ein einzelnes Individuum ist, halten sie doch wie Pech und Schwefel zusammen. Nur selten wird man einen dieser Feen ohne seine Familie antreffen.
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